Eine „bunte“ Kirche macht sich auf zur Springprozession

Echternach – Halb fünf Uhr morgens: Verschlafen liegen die Straßen der luxemburgischen Stadt Echternach da – noch ist nichts von dem Trubel zu spüren, der hier in vier Stunden herrschen wird. Über den Dächern beginnt es gerade zu dämmern, als von überall her leise, dann lauter, Stimmen zu hören sind. Aus allen Himmelsrichtungen trudeln langsam die Pilgergruppen aus dem Bistum Trier ein, die gemeinsam von Pfingstmontag, 25. Mai auf Pfingstdienstag, 26. Mai auf der „Route Echternach“ durch die Nacht gewandert sind. Das Ziel: Die St. Willibrord Basilika, wo traditionell am Pfingstdienstag die Echternacher Springprozession stattfindet.

Dieses Jahr steht die Sternwallfahrt unter dem Motto „Wir sind bunt“ erklärt Christel Quiring von der Abteilung Jugend, die die Route Echternach organisiert. Mit unserem Motto wollen wir auch darauf aufmerksam machen, dass jeden Tag Menschen auf der Flucht zu uns in unsere Gemeinden kommen und diese bereichern und bunter machen“, erläutert sie. In diesem Jahr konnten die Teilnehmer zwischen vier verschiedenen Routen wählen – vom Einsteiger bis zum Abenteurer. Zwei, die sich für das zwölf Kilometer lange „Abenteuer“ entschieden haben, sind Jens Artmann, 30, aus Gutenberg/Nahetal und Hansjörg Höhlein, 27, aus Boppard. „Taschenlampe und gute Schuhe sind schon ein Muss, und falls jemandem schnell kalt wird, eine warme Jacke“, grinst Artmann, der in seinem Weltjugendtags-T-Shirt mitgelaufen ist. Die beiden Pilger sind mit einer Gruppe unterwegs, die nächstes Jahr gemeinsam zum Weltjugendtag nach Krakau fahren wird. Ein Teil der spirituellen Vorbereitung sei da eben auch die Route Echternach. „Wir sind beide zum ersten Mal bei der Springprozession und sind gespannt, was uns gleich erwartet“, lacht Artmann.

Auch eine Gruppe aus der Pfarreiengemeinschaft Daun hat sich von Welschbillig aus auf den Weg gemacht – auf der immerhin 16 Kilometer langen „Einsteigerroute“. Die 58-jährige Ute Kolling hat letztes Jahr zum ersten Mal die Chance ergriffen, mitzupilgern, erzählt sie. „Ich hatte Fußprobleme und bin ganz bewusst mit diesem Anliegen zur Springprozession gekommen. Nachher waren die Probleme wirklich weg. Außerdem motiviert mich, auf der Wanderung zu sehen, wie die Natur um einen herum erwacht.“

Neben Firmlingen aus dem Dekanat Schweich-Welschbillig und Schülerinnen des Angela-Merici-Gymnasiums, ist auch eine kleine Gruppe aus dem Saarland vertreten. Anne Baron, 23, aus Altenkessel/Saarbrücken ist schon seit 15 Jahren Messdienerin und ist seit vielen Jahren bei der Springprozession dabei – kam aber noch über die „Route Echternach“ hierher. Mit zwei ihrer jüngeren Messdiener ist sie ab Ferschweiler mitgepilgert und fand besonders die spirituellen Stationen „klasse“. „Man hat die Welt wieder anders wahrgenommen in der Nacht, und wir haben die ganze Zeit wunderschön die Sterne sehen können.“ Dieses Jahr habe sie eine besondere Bitte an den Heiligen Willibrord, dessen Grab in der Basilika das Ziel der Springprozession ist: „Ich werde für meine gehbehinderte Oma bitten, die jahrelang selbst hierher kam.“ Der Glaube sei ihr wichtig, er tue einfach „ihrer Seele gut und fördert die Gemeinschaft“.

Gemeinschaft erleben die Pilger dann im gemeinsamen Jugendgottesdienst, den um halb sechs die Gruppen der „Route Echternach“ mit Erzbischof Jean-Claude Hollerich und Weihbischof Jörg Michael Peters feiern. Hollerich geht in seiner Predigt auf das „Verschiedensein“ ein und unterstreicht: „Auch unter den Jüngern Jesu gab es ganz  verschiedene Charaktere, politische Streiter, Brave, Mutige. Wir dürfen nicht glauben, dass wir in der Kirche Uniformität schaffen sollen. Wir sind eine bunte Gemeinschaft und haben den Auftrag, als Christen unseren Glauben zu bezeugen.“

Nach dem Gottesdienst und einer Frühstückspause geht es dann zur Aufstellung auf den großen Vorplatz der Basilika. In Reihen zu je fünf Leuten stellen sich die bunt gemischten Pilgergruppen auf, verbunden durch ein Friedenstuch. Dann geht es für die Springenden los „zwei rechts, zwei links“ zu den Takten einer Polkamelodie durch die Straßen Echternachs, die jetzt voller Zuschauer sind. Die Springprozession mit insgesamt 40 Gruppen mit Musikvereinen endet in der Krypta des Heiligen Willibrord in der Basilika. 

Die Echternacher Springprozession hat eine lange Tradition. Pilger aus Waxweiler sollen in der Zeit nach dem Tod des Heiligen Willibrords (gestorben 739) in Echternach einen Sprungtanz aufgeführt haben, da sie sich durch ein Gelübde zu dieser Wallfahrt verpflichtet hätten. Später schlossen sich ihnen andere Pilgergruppen an. Jährlich am Pfingstdienstag beteiligen sich über 10.000 Menschen an der Echternacher Springprozession. Sie zählt zu den „Meisterwerken des mündlichen und immateriellen Erbes der Menschheit“ der UNESCO.

 

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